In Wuppertal schwebt man – so heißt es allgemein. Die Physik nennt das zwar anders, doch „hängen“ klingt irgendwie nicht positiv. Am 1. September 2026 ist jetzt aber tatsächlich ein Schwebebahnwagen im wahrsten Sinne des Wortes über den Döppersberg geschwebt. Rechtzeitig zur Jubiläumsfeier „125 Jahre Schwebebahn“ nahm Wagen 76 seinen endgültigen Platz am Eingangstor zur Elberfelder Innenstadt ein.
Zunächst ein Blick zurück: Im Jahr 1950 erhielt Wuppertal 20 neue dringend benötigte Schwebebahnwagen. Bereits Anfang 1943 war der Auftrag für sogar noch mehr Züge an die Westdeutschen Waggonfabriken in Köln gegangen. Dort fand man im Krieg leider andere Aufträge wichtiger. Die Maschinenfabrik Esslingen sollte dann stattdessen die neuen, in Leichtbauweise geschweißten Bahnen bauen. Doch auch daraus wurde nichts. Der Krieg endete und der Auftrag ging – wie schon geschrieben – wieder an den Kölner Hauslieferanten.
Markant im Auftritt die drei Außenschiebetüren, sehr lange, gut gepolsterte Sitze gegenüber angeordnet und über je eine der drei Türen sofort erreichbar. Je zwei Motoren á 65 KW besorgten den Antrieb. Der Fahrer bekam erstmals eine halboffene Kabine mit Sitz. Das rundlich freundliche Design des Wagens unterschied sich deutlich von den alten „Kästen“ aus der Kaiserzeit. Bei der Belüftung gingen die Konstrukteure neue Wege. Auf Klappfenster verzichtete man. Stattdessen wurde von den Wagenoberseite durch Lüfter durch die Decke Frischluft zugeführt. Das funktionierte nicht wirklich und in der Wagenfront und im Heck ließen sich zum Glück die Scheiben ein Stück öffnen. Letztendlich kam man doch wieder zu Seitenscheiben mit oberer Öffnung zurück.
Es blieb nicht bei solchen Problemen. Man hört, dass der Waggonbauer die doch nun alten Baupläne hatte überarbeiten wollen, jedoch musste man fertigen, was auf dem Papier stand. Das Ergebnis waren dröhnende Innenräume und ein rumpelndes Fahrerlebnis. Da wurde nachgebessert und zusätzliche Gummidämpfer an den Fahrgestellen entschärften die Problematik. Die Wuppertaler jedoch liebten die neuen Züge und erst recht die Fahrer, die wie ein Kleiner König vorne thronten. Im Lauf der Jahre merkte die Werkstatt das Altern des Nachkriegsmaterials. Schließlich konnten die Wuppertaler Stadtwerke in einem Rundumschlag alle alten Fahrzeuge ab 1972 ablösen.
Zurück zum Wagen 76. Im Arbeitsleben blieb er immer ein „Hinterwagen“. Die Statistik verzeichnet seinen Abgang zum 05. Februar 1974. Zunächst blieb er im Tal. Beim Tennisplatz des Wuppertaler Sportvereins am Stadion schauten die Spieler aus ihm auf seine modernen Nachfolger. Danach verschlug es ihn in eine Weinhandlung an der Bayreuther Straße. Es folgten ein Szenelokal in Köln und auch in der Domstadt ein Gewerbehof. Dann meinte es das Schicksal richtig gut. Seit 2005 stand Wagen 76 trocken und gepflegt in einer Trödelhalle einer Siegener freien christlichen Gemeinde. Und jetzt kam es noch besser! Der Investor Markus Bürger, der 2022 den Wuppertaler Hauptbahnhof und das Nebengebäude erworben hatte, entdeckte den Oldie und holte ihn zurück nach Wuppertal. Das Ensemble am Hauptbahnhof ist inzwischen saniert und in die Lücke zwischen beiden Gebäuden hievte ein 450-Tonnen-Kran millimetergenau Wagen 76!
Der hatte im Lauf der Jahrzehnte allerdings nach seinem Rückzug vom Planverkehr von seinen neuen Besitzern gelbe Zierstreifen verpasst bekommen. So wie einst mancher Opel Kadett eine mattschwarze Motorhaube! Warten wir ab, wie sich unser Oldie jetzt hinter der gläsernen Fassade auf Dauer präsentiert.
Text und Foto: Michael Malicke

