Das Bild der Woche fällt diesmal etwas aus dem Rahmen: Es ist aktuell und zeigt das eigentliche Thema der Geschichte nur mittelbar. Es ist am Mittwoch, dem 07. Oktober 2026, entstanden und zeigt Triebwagen 5106 beim Umsetzen auf der Stadtseite der Haltestelle “Marengo”, die digitale Zielbeschilderung weist auf das Ende der Fahrt an dieser Stelle hin. Von hier aus wird er gleich zu einer der (östlichen Endstellen “Coronmeuse” oder “Liège Expo” zurückkehren. Grund für die Kurzführung ist eine ungewöhnliche Störung im Stadtzentrum.
Seit Montag derselben Woche gibt es in Lüttich wiederholte Schülerproteste, die an den jeweiligen höheren Schulen beginnen und sich in der Stadtmitte zusammenfinden. Neben einem neuen Gesetz (Décret Programme 2), dass u. a. die Stundenbelastungen der Lehrer ohne Lohnausgleich erhöht, erregt auch eine ungewöhnliche Preiserhöhung des Verkehrsbetriebs die Gemüter. Schüler in der Wallonie (französischsprachiger Teil Belgiens) zahlen bislang nur 12 Euro pro Jahr (!) für die Benutzung des gesamten Netzes der wallonischen Verkehrsgesellschaft LETEC. Dieser Vorteil soll ab Februar 2027 abgeschafft und durch ein neues Jahresabo für 384 Euro ersetzt werden. Verständlich, dass damit auch LETEC zum Ziel der Proteste der jungen Menschen wird.
Bei meiner Ankunft in Lüttich fiel mir als erstes eine Ansammlung von Polizeifahrzeugen auf dem Bahnhofsvorplatz ins Auge. Kurze Zeit später wären auch die Rufe einer Demonstrationsgruppe nicht mehr zu überhören. Nach meinem Besuch im Verkehrsmuseum wollte ich die neue Straßenbahnstrecke befahren und nahm zuerst eine Bahn nach Westen. Am Endpunkt “Standard” (benannt nach dem benachbarten Stadion des Fußballclubs “Standard Lüttich”), zeigten die Haltestellen-Displays plötzlich den Ausfall des Straßenbahnbetreibs in der Innenstadt an. Die Rückfahrt erreichte nur noch die Haltestelle “Pont d’Avroy”, wo der Wagen zur Rückfahrt umsetzte. Der Hinweis, dass es an der Haltestelle “Marengo” weitergehen solle, motivierte mich dazu, die Lücke zu Fuß zu überbrücken.
Am “Place de la Republique Francaise” stieg zu dem Zeitpunkt Rauch auf. Der Platz ist in der Lütticher Straßenbahngeschichte markant, weil hier die Vorortbahngesellschaft RELSE (Liège – Seraing) bis in die 60er Jahre ihnen Endpunkt hatte. Zugleich war hier immer schon ein wichtiger Umsteigepunkt zu den anderen Lütticher Verkehrsbetrieben. Als Ursache des Rauchs stellte sich eine in Vollbrand stehende Bus-Wartehalle heraus. Gespeist wurde das Feuer auch durch die überall herumstehenden Elektro-Stehroller, deren Batterien wohl mit lautem Knall explodierten. Unter die friedlichen Schüler hatten sich schwarzgekleidete und maskierte Randalierer gemischt, die die Scheiben der benachbarten Geschäfte einschlugen und die Läden plünderten. Mit Wasserwerfern und Tränengas versuchte die Polizei, den Feuerwehrleuten ihre Arbeit zu ermöglichen. Durch die Mengen der Schaulustigen stürmten immer wieder mal dunkle Gestalten auf der Flucht vor der Polizei davon. Lange ließ sich die Beobachtung allerdings nicht aushalten, denn der Rauch machte sich mit tränenden Augen und Kratzen im Hals bemerkbar. Da die Straßenbahnstrecke den Schauplatz an einer Ecke berührt, war klar, dass ein sicherer Betrieb hier nicht möglich war.
Das neue Modewort “Resilienz” steht für die Vorsorge für Naturkatastrophen und kriegerische Notfälle. Man muss dem Verkehrsbetrieb LETEC zugutehalten, dass er auf die Situation rasch reagiert und eine angemessene Lösung für die Fahrgäste gefunden hat. Die Beschriftungen an den Wagen und an den Haltestellen waren nicht immer optimal, aber die Bahnen verkehrten im gewohnten dichten Takt. Resilienz bedeutet in diesem Fall auch, dass sich der Verkehrsbetrieb mit Umsetzmöglichkeiten auf solche Szenarien vorbereitet hat. Insgesamt macht die knapp 12 km lange Strecke, die 2025 eröffnet wurde, einen sehr guten Eindruck und ist hervorragend in das Stadtbild integriert. Trotz sehr kurzer Taktabstände sind die langen Siebenteiler von CAF auch immer gut besetzt. Lüttich ist – nicht nur wegen der Straßenbahn und des Verkehrsmuseums – einen Besuch wert, die aufgewühlten Gemüter werden sich bestimmt auch wieder beruhigen!
Text und Foto: -gk-

