KW 40/2017 – Die „Skokie Schwalbe“ – mit fliegendem Wechsel

Guido Korff Bild der Woche

Die Frage ist berechtigt, warum diese Fahrzeuge auf einer Website für Straßenbahn-Fans erscheinen. Dafür gibt es mehrere Gründe: zum einen handelt es sich bei den Wagen um eine Konstruktion, in der ganz viel vom PCC-Wagen steckt, zum anderen befahren sie eine Strecke, die zu einer berühmten Interurban-Linie gehörte. Und dann ist da noch der fliegende Wechsel…

Die Hochbahn von Chicago (kurz „L“ für „Elevated“ = erhöht genannt), ist durch eine quadratische Innenstadtschleife („The Loop“) geprägt, die an ihren vier Ecken sehr enge Kurven aufweist. Deshalb verkehren auf diesem System nur Wagen von 48 ft Länge, was 14,63 m entspricht.

Auf eine frühe erste Generation von Stahlwagen folgten erst ab 1947 wieder Neufahrzeuge, die nicht nur technisch auf dem PCC aufbauten, sondern in den ersten Jahren auch mit Teilen ausgemusterter Straßenbahnwagen hergestellt wurden. Selbst eine optische Verwandtschaft ergab sich bei den Serien der 50er und 60er Jahre durch die Übernahme der schmalen oberen Fensterreihe für stehende Fahrgäste, die sog „Standee Windows“.

Später wurden die Fenster größer und die Technik moderner, aber die geringe Länge, die Edelstahlkarosserien und die zwei Türen pro Seite blieben Standard, weshalb man die Serien heute auf den ersten Blick kaum auseinanderhalten kann.

Zwischen 1916 und 1963 verkehrte außerdem die „Chicago North Shore and Milwaukee Railroad“ auf der nördlichen Hochbahnstrecke, die dafür streckenweise viergleisig ausgebaut war. Die CNS&MR verband das Stadtzentrum von Chicago mit der benachbarten Großstadt Milwaukee, ca. 145 km entfernt. Als Spannung verwendeten beide Betriebe 600 V.

Obwohl einzelne Abschnitte mit 90 mph (= 144 km/Std.) befahren werden durften, dauerte die Fahrt wegen zahlreicher durchquerter Orte zu lange und die parallele Eisenbahnlinie erwies sich als erfolgreicher Konkurrent. Deshalb baute die CNS&MR 1926 durch das Skokie Valley eine etwa 30 km lange Umgehungstrecke, die durchweg mit hoher Geschwindigkeit befahren werden konnte. Die beiden berühmten „Electro-Liner“ von 1941 waren sogar für eine Höchstgeschwindigkeit – man beachte: mit Stangenstromabnehmer! – von 180 km/h zugelassen! Davon konnte man in Düsseldorf oder Köln damals nur träumen.

Nach der Betriebseinstellung der CNS&MR im Jahre 1963 übernahm die Hochbahngesellschaft neben einem Abschnitt der alten Strecke auch die ersten Kilometer der Umgehung. Die „Skokie Swift Line“ (Swift = Mauersegler, aber auch „flink“) zweigt an der Station Howard von der Linie nach Linden ab und erreicht nach 8,2 km und ca. 15 Minuten Fahrzeit ihren Endpunkt Dempster im Skokie Valley.

Bis 2004 gingen die Wagen, kurz nachdem sie die Hochbahntrasse hinter sich gelassen hatten, vom Stromschienen- zum Oberleitungsbetrieb über. Die Umschaltung erfolgte während der Fahrt, sozusagen im „fliegenden Wechsel“. 16 Wagen der Serie 3200 waren dafür mit Einholmstromabnehmern ausgerüstet. Sie verkehr(t)en paarweise, weil der Bahnsteig in Dempster nicht mehr erlaubt.

PS: Man beachte die Größe des Führerstands: die Bahnen werden auch heute noch stehend gefahren, weil der Raum nicht für einen Fahrersitz ausreicht!

-gk- / Foto: -gk- (03. Juli 2000)