Buch des Monats

April 2017 – Auf Schienen zur Schicht

Klaus Giesen
Auf Schienen zur Schicht
Die Geschichte der Straßenbahn in Bottrop, Gladbeck und Kirchhellen

Eigenverlag Klaus Giesen, Bottrop 2016;
180 Seiten, Format 17,5 x 25 cm, Hardcover, gebunden, zahlreiche Schwarzweiß- und Farbaufnahmen sowie Kartenskizzen;
ISBN : keine
Im BMB-Vertrieb erhältlich für 27,50 €

Das Netz der Vestischen Straßenbahnen ist aus zwei getrennten Teilen hervorgegangen, die erst in den 40er Jahre durch eigene Gleise miteinander verbunden werden konnten. In der Erinnerung vieler, insbesondere jüngerer Straßenbahnfreunde dominiert heute das östliche Teilnetz rund um Recklinghausen, da hier zuletzt der regere Betrieb zu beobachten – und zu fotografieren – war. Entsprechend knapper werden die westlichen Strecken deshalb auch zumeist in der Literatur behandelt.
Der Autor Klaus Giesen hat nun seine Heimatregion in den Mittelpunkt eines Buchs gestellt, das sämtliche Linien des Westnetzes in kurzen Portraits vorstellt. Eine Linienchronik fasst die wichtigsten Daten anschließend noch einmal übersichtlich zusammen. Ein Abstecher in den Betriebshof und ein Überblick über den eingesetzten Wagenpark runden das Buch ab; selbst der Trambetrieb im Traumlandpark in Kirchhellen wird nicht vergessen.
Wenig bekannt ist zudem die Essener Linie 3 (später Linie 36), die ebenfalls bis zum Pferdemarkt im Bottroper Zentrum vorstieß. Dieses Kapitel vervollständigt den Anspruch des Untertitels, fällt aber aufgrund des geringen Umfangs ein wenig ab.
Die zahlreichen Fotos sind in der Regel ordentlich wiedergegeben, wobei es für die früh stillgelegten Strecken wohl auch kaum eine große Bildauswahl geben dürfte. Auffällig ist die starke Präsenz der „grünen Fische“ (in Farbe!), also der Düwag-Großraumvierachser in der Lackierung, die auf den damals neuen Fahrgastfluss aufmerksam machte. Diese Häufigkeit unterstreicht nicht nur das geringere Fahrgastaufkommen auf den meisten der westlichen Linien, sondern auch die Tatsache, dass hier jetzt ältere Farbbilder erschlossen wurden, während in früheren Publikationen zumeist die Sechsachser im „Look“ der letzten Betriebsjahre im Vordergrund standen.
Wer eine kompakte Bildreise über einen bedeutenden Teil des Netzes der Vestischen Straßenbahnen unternehmen möchte, ist mit diesem Buch bestens bedient. Überschneidungen mit dem Band „Die Zehn“ des gleichen Autors (gemeinsam mit Ralph Bernatz) waren wohl nicht ganz zu vermeiden, jedoch sind nur vier oder fünf Aufnahmen in beiden Büchern vertreten. Außerdem dominieren dort die Sechsachser die Motive. Zusätzlich sind im vorliegenden Buch zudem auch die weniger bekannten Außenstrecken des Westnetzes komplett abgedeckt.
Auch wer schon ältere Veröffentlichungen über die Vestische Im Regal stehen hat, findet hier zahlreiche neue, stimmungsvolle (farbige) Motive, die einen Kauf lohnend erscheinen lassen.
-gk-

November 2016 – Industrie und Verkehr im Morsbachtal

Günter Konrad
Industrie und Verkehr im Morsbachtal –
Erinnerungen in alten Fotografien

Sutton Verlag, 2017
128 Seiten, Format 17 x 24 cm, Hardcover, gebunden, ca. 160 Abbildungen;
ISBN 978-3-95400-748-6

Im BMB-Vertrieb erhältlich für 19,99 €

In der letzten Zeit gab es nur wenige Neuerscheinungen, die sich mit den Bahnen im Bergischen Land beschäftigt haben. Umso mehr freuen wir uns, einen Titel vorstellen zu können, der sich mit einem eher selten behandelten Aspekt des Wuppertaler Schienenverkehrs beschäftigt. Günter Konrad, ein bekannter Ronsdorfer Autor von Heimatkunde-Literatur hat sich der Ronsdorf-Müngstener Eisenbahn und ihrer Strecke in das Morsbachtal angenommen.
Wie bei Sutton-Büchern üblich, müssen eine kurze Einleitung und eine Zeittafel als Textteil genügen; alle weiteren Informationen finden sich in den mehr oder weniger ausführlichen Bildlegenden. Zusätzlich erleichtern eine Reihe von Karten dem Leser die Fotoreise von Ronsdorf nach Müngsten.
Der innovative Ansatz des Besuches besteht in der Vorstellung der vielfältigen Handwerks- und Industriebetriebe, denen die Bahn als Rohstofflieferant und als Spediteur der Fertigprodukte diente. Zahlreiche Innenaufnahmen zeigen Menschen bei ihrer harten körperlichen Arbeit, bieten aber auch Einblicke in die industriellen Techniken, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vorherrschten. Die Außenaufnahmen fangen dann nicht nur zufällig immer wieder die Bahn und ihre Fahrzeuge mit ein, vielmehr honorieren sie damit die Bedeutung der Bahn als erstes Glied der Transportkette auf die Märkte der Welt.
Das erste Kapitel portraitiert die Bahn schwerpunktmäßig in Ronsdorf. Obwohl das Titelbild einen anderen Eindruck erwecken könnte, dominiert dabei naturgemäß die elektrische Traktion. Die folgenden Kapitel arbeiten sich dann nach Müngsten vor, wobei die Bahnmotive schrittweise weniger werden, denn die Strecke wurde in der Nachkriegszeit in mehreren Etappen eingestellt.
Viele der Fotos sind leider (auch das typisch für Sutton-Bücher) nicht optimal wiedergegeben, Details „saufen“ im harten Kontrast ab. Die Streckenverläufe am Beginn der Kapitel wurden zudem auf dem verwendeten Stadtplan mit einem sehr dicken Stift gezogen, der manches Detail verdeckt. Das zeugt von einer „Low-Budget“-Produktion durch den Verlag. Ein sorgfältigeres Lektorat hätte überdies einige der inhaltlichen Fehler vermeiden können. Als Pluspunkt ist dagegen zu vermerken, dass der feste Umschlag dem Buch einen „wertigeren“ Eindruck als die früheren Paperbacks verleiht.
Fazit: ein Buch, das die Bibliothek der Fans der Morsbachtal-Bahn bereichert, Auswärtige aber nur bedingt zufrieden stellt.

-gk-


September 2014 – 11 Sehnsuchtsorte: Zeitreisen 1951 – 1981

Gerhard Zimmermann (Hrsg.)
11 Sehnsuchtsorte: Zeitreisen 1951 – 1981

Sonderausgabe „Bahn Klassik“ 1
Verlagsgruppe Bahn GmbH, Fürstenfeldbruck, 2014
100 Seiten, Format 21 x 29,4 cm (DIN A4 quer), Klebebindung, ca. 150 Abbildungen

Im BMB-Vertrieb erhältlich für 10,- €

Dieses Buch ist auf dem Tisch Ihres Redakteurs gelandet, weil auf dem Titelblatt eine Straßenszene aus dem Einzugsgebiet unseres Museum abgebildet ist. Sie zeigt den Bahnübergang Milspe-Tal im Jahre 1951. Zu dieser Zeit fuhr dort noch die Straßenbahngesellschaft Ennepe, wie man zuerst an dem doppelt geknickten Gleis im Pflaster und dann am wartenden Triebwagen im Bildhintergrund erkennt.

Dennoch verbirgt sich im Inneren weder ein Straßenbahnbuch noch ein Sachbuch – aber nach Meinung Ihres Redakteurs eine trotzdem unbedingt lesenswerte Lektüre!
11 „besondere“ Orte an deutschen Eisenbahnstrecken bilden die Kapitel. Sie stehen gleichzeitig für ein ausgewähltes Jahr im Zeitraum von 1951 bis 1981 und laden uns auf eine „Zeitreise“ in die Epoche ein, als die deutsche Eisenbahn noch von großer Vielfalt geprägt war. Besucht werden neben Ennepetal-Milspe auch Altena, Linz am Rhein, Weilburg an der Lahn oder Bad Schwalbach im Taunus.

Ein großformatiges Foto der jeweiligen Szene, entstanden im betrachteten Jahr, eröffnet die Abschnitte. Die Autoren beschreiben dann überaus stimmungsvoll, aber auch sachkundig und detailreich, die betriebliche Situation an diesem Ort als Momentaufnahme. Zugleich lassen sie den „Zeitgeist“ und die großen Ereignissen jenes Jahres in ihre Texte einfließen. Vor dem inneren Auge des Lesers wird das Ganze dadurch so lebendig, als stünde man gerade selbst neben dem Fotografen.

Zahlreiche weitere Fotos und Gleispläne ermöglichen dem Leser aber auch, den Bogen zum heutigen Zustand zu schlagen, der in den meisten Fällen die „Verluste“ nachvollziehbar macht, aus denen die titelgebende „Sehnsucht“ erwächst.

Kritikpunkte gibt es eigentlich keine und mit € 10,- ist die Anschaffung des Buchs ein relativ preisgünstiges Vergnügen. Wer sich auf die Stimmungsbilder einlassen mag, dem sei dieser Titel ans Herz gelegt; Liebhaber möglichst vollständiger Faktensammlungen sollten dagegen woanders suchen.

-gk-


Juni 2014 – Die Duisburger Straßenbahn

Zeitzeugenbörse Duisburg e. V.
Die Duisburger Straßenbahn

Sutton Verlag GmbH, Erfurt 2014;
128 Seiten, Seitenformat 17 x 24 cm, Hardcover, gebunden, ca. 200 Abbildungen (S/W);
ISBN 978-3-95400-361-7
Im BMB-Vertrieb erhältlich für 19,99 €

Das Straßenbahnnetz in Duisburg mit seinen Vorläuferbetrieben wurde in der Fachliteratur bislang recht stiefmütterlich behandelt. Erst in der letzten Zeit erschienen im Straßenbahn-Magazin einige Artikel, die aber nur ein Schlaglicht auf die frühere Vielfalt werfen konnten.

Deshalb ist es nur zu begrüßen, dass sich das Autorenteam der “Zeitzeugenbörse Duisburg e. V.“ vorgenommen hat, diese Lücke zu schließen. Allerdings ist darin bereits das Dilemma dieser Publikation für Straßenbahnfreunde angelegt. Als Gruppe örtlicher Heimatforscher schreiben die Autoren für das lokale Publikum. Wer nicht weiß, dass auch Duisburg aus einer Gruppe von Gemeinden zusammengewachsen ist, die schon vor ihrem Zusammenschluss wirtschaftlich bedeutend genug waren, eigene Straßenbahnnetze einzurichten, wird die Besonderheiten der (Alt-)Duisburger, Hamborner, Meidericher und Kreis Ruhrorter Straßenbahnbetriebe kaum einordnen können. Darüber hinaus fehlt auch in diesem Sutton-Band – wie meistens – jegliche Karte als Orientierungshilfe. Ebenso sucht man vergebens eine Fahrzeug-Übersicht.

Was darf der Straßenbahnfreund stattdessen erwarten?
Zunächst zu den Äußerlichkeiten: das Buch hebt sich durch einen festen Einband, höhere Papierqualität und durchweg verbesserte Bildwiedergabe angenehm von früheren Produkten des Verlages ab. Auf diese Weise positiv eingestimmt, lässt man sich gerne mitnehmen auf die bebilderte Rundreise durch das alte Duisburg, denn vom Kapitel über den Stadtbahnbau abgesehen, endet der Bilderreigen im Wesentlichen mit den späten 60er Jahren.
Schon das Titelbild deutet an, dass der Motivauswahl eine starke „menschliche“ Komponente innewohnt: auf vielen Bildern werden das Personal oder die Fahrgäste ins Zentrum gerückt. Dennoch kommt auch der technische Aspekt zu seinem Recht, wenn etwa die Hamborner „Hechtwagen“ oder die großen Vierachser der späteren Linie „D“ porträtiert werden. Die Bildauswahl führt dem Betrachter dabei deutlich vor Augen, wie rasch sich die Szenerie in einem industriell geprägten Gebiet wie Duisburg verändert, in dem sogar ein ganzer Stadtteil samt Straßenbahnlinie unter einer Abraumhalde verschwindet.

Erfreulich ist auch eine gewisse inhaltliche Vollständigkeit. Nicht nur die Vorläuferbetriebe der heutigen Duisburger Verkehrsgesellschaft finden Beachtung, sondern auch die beiden Nachbarbetriebe, die die erst seit 1975 zu Duisburg gehörenden linksrheinischen Stadtteile bedient haben: Die meterspurige „Straßenbahn Moers-Homberg GmbH“ und die Straßenbahn-Gesellschaft Homberg, deren Linien sogar bis auf die andere Rheinseite durchgebunden waren. Schließlich ist auch die Fernlinie M der Rheinbahn mit zwei Bildern vertreten, die sich in Moers die Endstelle mit der Homberger Linie teilte, „Duisburger“ Gebiet aber nicht berührte.

Fazit: Auf die umfassende Darstellung der Duisburger Straßenbahngeschichte werden wir also weiter warten müssen, die Zeit bis dahin überbrückt dieser Band aber mit vielen stimmungsvollen Aufnahmen und einem guten Überblick über die Duisburger Nahverkehrsvielfalt.
-gk-